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„Domine, quo vadis?”
Gemälde von Annibale Carracci, 1602

Verschweisste Kanaldeckel, Absperrgitter und Beamte des USK an allen Ecken und Enden: Der Papst besucht seine bayerische Heimat, genauer gesagt Regensburg. Von seiner Unterkunft im hiesigen Priesterseminar rollte der Pontifex im Papamobil Richtung Dom und zur Papstwiese. Benedikt XVI. sah jubelnde, ihm zuwinkenden Massen entlang des Weges. Was er nicht sah, war dass die Zuschauer, kaum dass Papst an ihnen vorbei war, im Laufschritt zur nächsten Station trotteten um dort ein weiteres Mal, neugierig einen Blick auf einen alten Mann im weißen Talar in einem rollenden, dickwandigen Aquarium zu erhaschen: potemkinsche Massen für den Oberhirten, der einen Tag später einen bis dato eher unbekannten byzantinischen Kaiser Manuel zitierte.

In Regensburg hat man – ob man will oder nicht – ein besonderes Verhältnis zum Pontifex: Die Domstadt ist die „Wir sind Papst!“-Stadt par excellence. Im wahrsten Sinne des Wortes wohnt der Papstbruder gleich ums Eck und neben dem offiziellen Besuch soll Benedetto – wenn man einschlägigen Gerüchten Glauben schenken darf – noch einige Male inkognito in dunklen „CV“-Limousinen an die Donau gekommen sein. Und nun? Rücktritt am Rosenmontag. Kein Faschingsscherz, ganz im Gegenteil, aus katholischer Sicht genau der richtige Zeitpunkt: Benedikt wollte unbelastet, mit reinem Gewissen in die Fastenzeit gehen und die Wahl eines Papstes noch vor Ostern ermöglichen.

Der Vatikan ist der letzte absolutistische Staat der Erde und die katholische Kirche ist streng hierarchisch organisiert. Ein Papst hat die uneingeschränkte Richtlinienkompetenz innerhalb der Kirche und somit über 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt. Dies ist nicht zuletzt der Grundhaltung der Menschheit geschuldet, an die Wirkmächtigkeit von Führungskräften zu glauben, sei es nun in der katholischen Kirche oder in einem anderer milliardenschweren Weltkonzern: Der Chef entscheidet über Wohl oder Wehe der Truppe. Nun, zumindest die katholische Kirche setzt alles daran, diesen Glauben noch zu stärken. Keine andere Institution sonst erhebt offiziell den Anspruch dass bei der Wahl des neuen Vorstandsvorsitzenden der Heilige Geist – und somit ein guter Teil der Dreifaltigkeit – am Werk ist. Aber auch wie bei Siemens, BMW oder Daimler-Benz liegt der Fehler des Produkts oft im Detail und erreicht erst spät, manchmal zu spät, die Vorstandsebene. Dennoch, ob eine Marke heutzutage Erfolg hat, oder nicht, entscheidet letztlich die Vision des Vorsitzenden. Und insofern blickt nun – zumindest ein Teil der Menschen, und noch ein kleinerer Teil der SozialdemokratInnen – hoffnungsvoll und gespannt nach Rom, wenn sich die Kardinäle zum Konklave versammeln.

Ein weit größerer Teil der deutschen Bevölkerung wird dem Konklave mit einer Haltung, die zwischen Gleichgültigkeit und offener Ablehnung changiert, gegenüberstehen. Dieser Teil schließt Menschen mit ein, die zwar das Bedürfnis nach Transzendenz in katholischen Facon haben, denen aber aufgrund eigener, in der Tradition der Aufklärung stehender Hirnaktivitäten, der römischen Amtskirche die Gefolgschaft aufgekündigt haben, ohne sich vom Christentum zu distanzieren. Ratlos und zur tatlos müssen sie mit ansehen, wie die Amtskirche auf pastorale Missbrauchskandale, episkopale First-Class-Flüge in die Slums und kardinale Verstöße gegen das Gebot der Nächstenliebe – Stichwort Pille danach für Vergewaltigungsopfer – entweder in geriatrischem Starrsinn verharrt, oder schlicht und einfach die Augen verschließt.

Überdies gefällt sich ein Teil der Prälaten mehr und mehr in der Rolle von neokonservativen Kirchenfürsten: Da genügt der schlichte Bischofsstuhl des Vorgängers im Hohen Dom nicht mehr, ein prunkvoller Thronsessel ist scheinbar unabdingbar um ex cathedra zum Kirchenvolk zu sprechen. Gleichzeitig müssen Schafe, die zu laut blöken leider draußen bleiben.

Aber sollte ein kritischer Katholik überhaupt Hoffnung in einen neuen Papst setzen? Jenseits der Frage, ob man noch eine zentralistisch organisierte Kirche braucht, stirbt die Hoffnung doch zuletzt und deshalb darf man in Ruhe die Augen schließen und sich etwas wünschen, vom neuen Größten Brückenbauer.

Die längst überfällige Demokratisierung der Kirche sollte sofort in Angriff genommen werden. Dass Demokratie eigentlich kein Teufelszeug ist beweisen die Kardinäle mit jedem Konklave. Ein neuer Papst könnte ja auch einfach immer von seinem Vorgänger ernannt werden. Komisch, dass die Kurienkardinäle, wenn es um die eigene Sache geht, sehr wohl auf demokratische Wahlen á la „One Man – One Vote“ bauen. Jeder Amtsträger der Kirche sollte in Zukunft vom Kirchenvolk gewählt werden.

Ebenfalls sehr weit oben auf der Agenda sollte die Gleichstellung von Mann und Frau stehen. Das Christentum war immer und ist heute noch eine Religion, die an der Basis auf den Schultern von Frauen im Niedriglohnsektor – ihnen wird lediglich Gotteslohn gezahlt – liegt. Im Hinblick auf die innerkirchliche Stellung der Frauen Rechnung muss diesem Umstand endlich Rechnung getragen werden. Zudem sollten Priester und Priesterinnen selbstverständlich auch heiraten dürfen, schließlich war auch der Nazarener Rabbi mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein verheirateter Mann. Es ist längst überfällig, dass die katholische Kirche im Umgang mit den Geschlechtern ihr langes 19. Jahrhundert endlich hinter sich lässt.

Ein weiterer Punkt ist das Primat des Papstes und der katholischen Kirche. Die Ökumene wird nie den entscheidenden Schritt voran kommen, solange die katholische Kirche ihren Alleinvertretungsanspruch aufrecht erhält. Anstelle dessen sollte der Papst alle Christen als gleichwertig anerkennen. Wenn das Ziel der Ökumene leider nie die Überwindung der Schismen sein wird, so sollte die Spaltung der Christen nicht noch auch vertieft werden. Hier wäre ein gerütteltes Maß an Demut angezeigt, denn die Ersten werden bekanntlich die Letzten sein.

Jesus hat die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben. Ganz ohne wird es auch in Zukunft nicht gehen, der neue Papst sollte aber zumindest die bischöflichen Finanzkammern zu absoluter und vorbildlicher Transparenz verpflichten. Die Kirche ist heute ein milliardenschwerer Konzern, der jedoch niemanden Rechenschaft schuldig ist und zumindest in Deutschland noch mit einer Zwangssteuer finanziert wird. Man braucht das Konkordat nicht in Frage zu stellen, aber Transparenz im Finanzgebaren wäre geboten und zwar auch im Bereich der Schattenhaushalte der Diözesen.

Ein weiterer Punkt ist die Reform der Liturgie. Wer einmal in Taizé war, hat erfahren, dass ein Gottesdienst tatsächlich erhebend sein kann. Müssen es immer harte hölzerne Kirchenbänke sein? Warum gibt es keine Kirchenlounge? Wohlfühlen in der Kirche wäre dann kein unüberbrückbarer Gegensatz mehr. Als Jesus vor 5000 Menschen predigte, kümmerte sich er auch erst einmal darum, dass jeder seine Fischsemmel bekam.

Die Liste der Probleme, die sich Papst und Kirche stellen müsste, ist lang und schmerzlich. Findet die Kirche endlich eine vernünftige Einstellung zu Sex und Verhütung? Wie kann die innerkirchliche Korruption eingedämmt werden? Und wie geht die Kirche überhaupt mit innerkirchlicher Kritik um? Die Liste ließe sich nahezu beliebig verlängern. Die katholische Kirche duckt sich bisher aber vor den Problemen weg. Aber auch dies hat eine lange Tradition. Schon der allererste Papst hatte seinen Stuhl in Rom verlassen und wollte sich feige aus dem Staub machen. Dies war innerkirchlich nach einem Vorfall mit einem dreimal schreienden Hahn keine große Überraschung. Außerhalb der Stadtmauern Roms traf er jedoch apokryphen Quellen gemäß auf Jesus und er fragte den Herrn: „Quo vadis, domine?“ Dieser antwortete, dass er nach Rom gehe, um sich erneut kreuzigen zu lassen. Daraufhin erkannte Petrus, der erste Papst, dass er seinem Schicksal ins Auge sehen und muss und wurde zum felsigen Grundstein der Kirche.

(siehe: Lupenreiner Demokrat, März 2013. Auf: http://www.jusos-sachsen.de/aktuelles—detailansicht/items/maerz-ausgabe-lupenreiner-demokrat-682.html?file=tl_files/jusossachsen/Newsletter/LupDem_109_Maerz_2013.pdf)

Quo vadis, papa?